80 Jahre Reichspogromnacht – Erinnern am Gymnasium Südstadt


2018 jährt sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal: In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in Deutschland gezielte Gewaltaktionen gegen jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger verübt. Allein in dieser Nacht verloren mehr als 400 Jüdinnen und Juden ihr Leben, mehr als 30.000 Menschen wurden am 9. und 10. November 1938 verhaftet oder verschleppt.

Seit einigen Jahren gedenken wir am 9. November der Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft an den beiden von unserer Schule gestifteten Stolpersteinen.

80 Jahre nach dieser Ausschreitung, am 9. November 2018, werden wir mit jeweils zwei Schülerinnen/ Schülern aus jeder Klasse in der 3./4. Unterrichtsstunde die Stolpersteine in der Benkendorfer Straße 78 und im Falkenweg 7 besuchen. 

Die Gedenkzeremonie wird in diesem Jahr von Schülerinnen und Schülern der Klasse 10a gestaltet.

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“

Diese Worte - die Schlussworte aus dem Theaterstück „Der unaufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ des deutschen Dichters und Dramatikers Bertolt Brecht (1898-1956) - werden als Warnungvor einer am Ende des Zweiten Weltkrieges zwar gebannten, aber doch immer noch und immer wieder drohenden braunen Gefahr zitiert. Leider sehr zurecht! Denn das nationalsozialistische Gedankengut mit seiner furchtbaren Menschenverachtung, dem mehr als 60 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind, quillt noch immer in den Köpfen vieler Menschen unseres Landes, aber auch überall in der Welt. Das ist sehr gefährlich und führt in seinen verschiedensten Facetten auch nach mehr als 70 Jahren immer noch zu schlimmen Kriegen, zu Völkermord und zu sehr, sehr viel Leid und Elend in der Welt. 

Wir Lehrer und Schüler des Gymnasiums Südstadt wollen unseren Beitrag leisten, dass das Leid der Opfer des Nationalsozialismus, aber auch das der aktuellen Kriege sowie der politischen und religiösen Auseinandersetzungen niemals vergessen wird!

In Gedenken an alle Opfer, insbesondere des Holocaust während der NS-Diktatur, und an alle, die auch heute noch durch Krieg und Völkermord getötet werden, legen wir jährlich am 9. November, dem Tag der so genannten „Reichspogromnacht“ (1938), an den beiden Stolpersteinen im Falkenweg 7 und in der Benkendorfer Straße 78 eine Gedenkminute ein. 

So auch an diesem 9. November 2017. Sechs Schülerinnen und Schüler der Klasse 11c informierten die Schüler unserer fünften Klassen über das historische Geschehen, sprachen über das Schicksal der beiden jüdischen FrauenMartha Dittmar und Henriette Sauer, trugen ihnen zu Ehren ein kleines Gedicht vor, legten drei Rosen nieder und entzündeten ein Lebenslicht.

Sie appellierten, dass vor allem die junge Generation dafür Sorge tragen sollte, den Ruf der Weltgemeinschaft nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges endlich Realität werden zu lassen: „NIE WIEDER KRIEG!“ 

Deshalb riefen alle Teilnehmer der Gedenkveranstaltung auch in diesem Jahr zu mehr Verständnisfür andere Menschen und zu gegenseitiger Achtung und Toleranz auf. 

Am Ende wurde der „Staffelstab“ der Gedenkveranstaltung von den Elftklässlern an acht SchülerInnen aus der Klasse 9a übertragen, die ab 2018 die Durchführung des Gedenkens leiten werden.

So stimmen wir hier und jetzt in den Epilog des Stückes von Bertolt Brecht ein und sagen:

„Ihr aber lernet, wie man sieht, statt stiert
Und handelt, statt zu reden noch und noch.
So was hätt' einmal fast die Welt regiert!
Die Völker wurden seiner Herr, jedoch
Dass keiner uns zu früh da triumphiert –
Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

 

Birgit Decker

(Geschichtslehrerin)

 

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Der 9. November – ein geschichtsträchtiges Datum!

Auch für die Traditionen in unserem Gymnasium

Am 9. November 1918 wurde im Zuge der Novemberrevolution in Deutschland das Ende des Kaiserreichs verkündet. Letztendlich entstand 1919 die erste Demokratie der deutschen Geschichte – die Weimarer Republik.

Diese allerdings war von Beginn an sehr instabil, sodass die radikale NSDAP unter Führung Adolf Hitlers in einem Putschversuch am 9. November 1923 die parlamentarische Demokratie beseitigen wollte. Ein am Morgen des 9. November von Hitler und General Ludendorff angeführter Marsch mit mehreren Tausend, zum Teil schwer bewaffneten Teilnehmern wurde von der Polizei niedergeschlagen.

Trotzdem gelang es der NSDAP und ihrem Führer Adolf Hitler am 30. Januar 1933 die Macht zu ergreifen und eine terroristische Diktatur zu errichten, die die Welt ab 1939 in die schlimmste Katastrophe der Weltgeschichte stürzte – in den Zweiten Weltkrieg.

In der Nacht des 9. November 1938 brannten jüdische Synagogen in ganz Deutschland. Angehörige von Sturmabteilung (SA) und Schutzstaffel (SS) zertrümmerten die Schaufenster jüdischer Geschäfte, demolierten die Wohnungen jüdischer Bürger und misshandelten ihre Bewohner. Viele Tote und Verletzte waren zu beklagen. Über die Hälfte aller Synagogen oder Gebetshäuser in Deutschland und Österreich stark beschädigt oder ganz zerstört. Bereits einen Tag später wurden mehr als 30.000 männliche Juden in Konzentrationslager (KZ) verschleppt. Es kam zur zunehmenden Entrechtung und Enteignungen. Nach dem Novemberpogrom 1938 erhielt die Verfolgung einen neuen Charakter – es begann die systematische Eliminierung der Juden, die in einen systematisch organisierten Völkermord führte.

Um der Opfer des NS-Terrors zu gedenken, sponserten Schüler und Lehrer unseres Gymnasiums so genannte Stolpersteine, die von dem Künstler Kurt Demnig 2005 und 2006 verlegt wurden. 

Auch in diesem Jahr gingen wieder zwei Schülergruppen gemeinsam mit einigen LehrerInnen in den Falkenweg 7 und in die Benkendorfer Str. 78, um an den Stolpersteinen der jüdischen Frauen Martha Dittmar und Henriette Sauer zu gedenken. Zuerst informierten SchülerInnen aus der Klasse 10c über die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland, danach sprachen sie über das Schicksal der beiden Frauen und trugen ihnen zu Ehren ein kleines Gedicht vor. Dann legten sie drei weiße Rosen nieder und entzündeten ein Lebenslicht. 

Wir erinnern jährlich an das Leid der Opfer, weil wir wachsam bleiben wollen, damit sich diese Geschichte nicht wiederholt. Deshalb riefen wir auch heute zu mehr Verständnis für andere Menschen und zu gegenseitiger Achtung und Toleranz auf.

Am 9. November 1989 fiel im Zuge der friedlichen Revolution in der DDR die Berliner Mauer – die Menschen erhielten die lang ersehnte Reisefreiheit. Ein Jahr später, am 3. Oktober 1990, fand die deutsche Wiedervereinigung statt.

Am 9. November 2016 wurde ein neuer amerikanischer Präsident gewählt ...

 

BD

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Erinnerung

Der 9. November – Tag der Freude über den friedlichen Fall der Mauern 1989 zwischen den beiden damals existierenden deutschen Staaten, aber auch der Tag des Gedenkens an die vielen Millionen jüdische Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft.


Wie passt das zusammen?


Ich frage mich:     Wie viele Mauern stecken noch in unseren Köpfen?


Menschen, die ihre Geschichte vergessen wollen, die nicht mehr reden wollen von der Reichspogromnacht 1938 oder nichts mehr hören wollen von den Gräueltaten der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg. Wie hoch ist ihre Mauer um ihre eigene Geschichte?


Aber es gibt auch Menschen, die am 9. November 1989 jubelten, als die Mauer fiel. Endlich frei, endlich das tun können, was man sich für seine Zukunft, für sein Leben vorstellte. Wie groß ist die Mauer in ihren Köpfen, wenn sie Menschen ablehnen, die vor Krieg und Gewalt, vor einer Diktatur fliehen? Die nur einen Wunsch haben: friedlich zu leben.


Mauern sind 1989 eingerissen worden und werden wieder errichtet.


Was haben wir aus der Geschichte gelernt?


Das Gymnasium Südstadt gedenkt jedes Jahr der Opfer des nationalsozialistischen Terrors an den Stolpersteinen in der Benkendorfer Straße 78 und im Falkenweg 7, die 2004 und 2006 von unserer Schulgemeinschaft gestiftet wurden.
Schüler dieses Gymnasiums waren es in den 1990er Jahren auch, die gemeinsam mit ihrem Geschichtslehrer Herrn Winkelmann († 2017) die Schicksale der halleschen Juden während der NS-Diktatur erforschten und ihre Ergebnisse in einem Gedenkbuch zusammenfassten.                                                    

 


Das ist unser Verständnis von Geschichte und Verpflichtung zugleich:


Es dürfen nicht wieder Mauern entstehen.


Inge Hackbusch (Geschichtslehrerin)

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