Geschichte im Koffer: Auf Spurensuche im Gulag. Projekttag in der Klasse 10d
Sachquellen gehören zu den Hinterlassenschaften, die besonders eindrücklich und scheinbar unverfälscht Einblicke in vergangene Zeiten erlauben. Im Geschichtsunterricht begegnen wir Sachquellen aber fast ausschließlich in Klasse 5.
Am Donnerstag, 18. Juni, erhielten die Schülerinnen und Schüler der Klasse 10d Gelegenheit, noch einmal intensiv mit dieser Quellengattung zu arbeiten.
Im Rahmen des Projekts „Geschichte im Koffer – Auf Spurensuche im Gulag“ wurden fünf gegenständliche Quellen – Taschentücher, ein Stück Kohle, ein Foto, eine Postkarte sowie ein Gürtel – zum Ausgangspunkt, das sowjetische Gulag-System der 1920er bis 1950er Jahre zu untersuchen.
Nach einer kurzen thematischen Einführung zu den Entwicklungen zwischen Oktoberrevolution, Zweitem Weltkrieg, Besatzungszonen und Kaltem Krieg arbeiteten die Zehntklässler an den Schicksalen, die mit den Sachquellen, die allesamt von Überlebenden der sowjetischen Straf- und Arbeitslager stammten, untrennbar verbunden waren. Wie verlief der Lebensweg eines jungen Menschen von seiner Verhaftung über die Deportation nach Sibirien oder in die Region nördlich des Polarkreises bis hin zur Rückkehr nach Deutschland? Warum schickt eine junge Frau ein Foto aus dem Straflager Workuta an ihre Eltern, auf dem sie lächelt? Wie kommunizierte ein inhaftiertes Ehepaar miteinander, das getrennt voneinander und in zwei unterschiedlichen Lagerkomplexen interniert war? Wie sah der Lageralltag aus, welche Arten von Zwangsarbeit wurden angeordnet? Wie beeinflussten Erfahrungen und Erlebnisse im Lager die Persönlichkeit der Inhaftierten und welche Lebenswege schlugen Überlebenden des Gulag-Systems nach ihrer Freilassung ein?
Neben Antworten auf diese Fragen spannte die Referentin der Deutschen Gesellschaft e. V., Frau Dr. Heiduck, immer wieder auch einen Bogen zum System der Konzentrationslager der Nationalsozialisten und erlaubte den Schülern der 10d Einblicke in die Methodik des Vergleichs von Diktaturen.
Durch den vierstündigen Projekttag haben die Zehntklässlerinnen und Zehntklässler nicht nur Wissensbestände erworben, die ihnen hoffentlich für die Behandlung des Stalinismus in der 12. Klasse einen Vorsprung verschaffen, sondern auch über Menschenrechte und Willkür, Terror und Umgang mit traumatischen Erfahrungen nachgedacht und gesprochen. Zugleich haben sie eindrücklich erarbeitet, wie viel persönliche Geschichte in einem scheinbar unauffälligen und alltäglichen Gegenstand stecken kann.
Wir bedanken uns bei Frau Dr. Heiduck für die Einblicke und den Workshop!